Ein Artikel der digitalen Ausgabe der Süddeutschen Zeitung vom 03.08.2023

Schule und Bildung

 

"Für guten Unterricht reicht es nicht aus, ein Fach gut zu verstehen"

 

Weil Lehrer fehlen, werben Schulen um Quereinsteiger. Aber eine Ingenieurin ist nicht automatisch eine gute Mathe-Lehrerin. Der Bildungsforscher Johannes Bauer über die Chancen und Risiken von Lehrkräften ohne das übliche Lehramtsstudium.

 

Interview von Kathrin Müller-Lancé

 

12 000 Lehrerinnen und Lehrer fehlen derzeit an deutschen Schulen, eine Schätzung spricht sogar von bis zu 40 000 Lehrkräften. Um freie Stellen zu besetzen, werben die Länder verstärkt um Quereinsteiger. Die Gesellschaft für empirische Bildungsforschung (GEBF) warnte kürzlich in einer Stellungnahme davor, Lehrer ohne ausreichende Qualifikation einzusetzen. Ein Gespräch mit Johannes Bauer, Vizepräsident der GEBF und Professor für Bildungsforschung an der Uni Erfurt, über die Risiken und Chancen dieser Maßnahme.

 

SZ: Herr Bauer, ist ein Quereinsteiger als Lehrer im Klassenzimmer nicht auf jeden Fall besser als gar kein Lehrer?

 

Johannes Bauer: Natürlich ist erst mal wichtig, dass Unterricht überhaupt stattfindet. Wir wollen mit unserer Stellungnahme keineswegs die Arbeit von Quereinsteigern abwerten. Aber man muss schon die Frage stellen, mit welchen Kompetenzen sie unterrichten und ob das den Qualifikationsanforderungen entspricht, die man an Lehrerinnen und Lehrer hat.

 

Kann es nicht sogar Vorteile haben, wenn Lehrerinnen und Lehrer Erfahrungen von außerhalb der Schule mitbringen?

 

Doch. Die Forschung zeigt auch, dass Quereinsteiger viel Enthusiasmus mitbringen und zum Teil anders mit Stress umgehen können. Sie können die Schule auf jeden Fall bereichern. Aber für guten Unterricht reicht es nicht aus, sein Fach gut zu verstehen. Man muss auch wissen, wie man bestimmte Inhalte gut vermittelt, welche Aufgaben man stellen kann, was typische Fehler von Schülern sind. Gute Lehrerinnen und Lehrer müssen sich mit Fachdidaktik und Unterrichtsmethoden auskennen. Woran erkennt man, ob ein Schüler Probleme hat? Wie kann man Leistung einschätzen?

 

Sie sagen, Qualifikationsprogramme wie die für Quereinsteiger im Lehramt würden bei Ärzten oder Ingenieuren nicht akzeptiert. Ist es der Gesellschaft egal, ob Lehrer gut ausgebildet sind?

 

Wenn man sich die öffentlichen Debatten anschaut, kann man diesen Eindruck schon gewinnen. In manchen Modellen wird nicht mal mehr ein Studium vorausgesetzt. In Mecklenburg-Vorpommern kann man zum Beispiel mit einer einschlägigen abgeschlossenen Berufsausbildung als Seiteneinsteiger unterrichten. Manche Seiteneinsteiger unterrichten schon nach wenigen Wochen Vorbereitung. Es ist wichtig, dass man erst mal versucht, Unterricht abzudecken. Aber man muss schon sehen, dass der Lehrberuf ein extrem verantwortungsvoller ist. Lehrer greifen tief in die Lebenschancen von Kindern und Jugendlichen ein, und das über Generationen.

 

Sie warnen auch davor, dass eine Notlösung zum Normalfall werden könnte.

 

Wenn es nicht auf Dauer einheitliche Standards bei der Ausbildung der Quereinsteiger gibt, kann das für die Schülerinnen und Schüler spürbare Konsequenzen haben. Wir sehen in der Forschung, wie wichtig pädagogische und psychologische Kompetenzen für die Qualität des Unterrichts sind. Jemand, der dazu nicht ausgebildet ist, hat womöglich eher Probleme, eine Klasse im Griff zu haben oder bestimmte Inhalte in Mathe oder Physik zu vermitteln. Noch ein langfristiges Problem könnte sein, dass Leute, die sich fürs Lehramt interessieren, den Quereinstieg als leichter wahrnehmen und ihn deshalb dem klassischen Lehramtsstudium vorziehen. Dann würden sich beide Ausbildungswege auf Dauer Konkurrenz machen und am Ende nicht unbedingt zu mehr Lehrerinnen und Lehrern führen. Man hätte also wenig gewonnen.

 

Es gibt in den Bundesländern schon verschiedene Qualifikationsprogramme für Quer- und Seiteneinsteiger. Warum reichen die nicht aus?

 

Momentan gibt es einen ziemlichen Wildwuchs. Jedes Bundesland hat eigene Programme, die oft wenig evaluiert werden. Das macht es schwierig, sich einen Überblick zu verschaffen, wo was wie gut läuft und welche Kompetenzen überhaupt vermittelt werden. Wir fordern in unserer Stellungnahme nicht, dass es keinen Quereinstieg geben darf, aber es muss dafür einheitliche Standards geben.

 

Zum Beispiel?

 

Wir schlagen für alle Quereinsteiger ein verpflichtendes zweijähriges Masterstudium an einer Universität vor, die bereits Lehrer ausbildet. Das muss man mit einzelnen Modulen so flexibel gestalten können, dass es gezielt Lücken füllt - sei es in dem Fach selbst, in der Fachdidaktik oder in den Bildungswissenschaften.

 

Widerspricht sich das nicht: Lehrer ausführlich ausbilden - und den Lehrermangel schnell bekämpfen?

 

Das Modell, das wir vorschlagen, wäre eine Art duales Studium. Die Quereinsteiger würden von Anfang an in Schulen mitarbeiten, aber zunächst zur Unterstützung und Entlastung, zum Beispiel in der Ganztagsbetreuung. Ab dem dritten Semester würden sie dann selbst unterrichten und eigene Klassen übernehmen. Früher selbst zu unterrichten, halten wir für schwierig. Am Anfang geht es vor einer Klasse oft erst mal ums Überleben, das kann ganz ohne Vorbereitung schwierig werden.

 

Wenn Quereinsteiger allein nicht die Lösung sind, was braucht es noch, um den Lehrermangel zu bekämpfen?

 

Man muss den Lehrberuf für junge Menschen insgesamt attraktiver machen, zum Beispiel, indem man Lehrerinnen und Lehrer von organisatorischen Aufgaben entlastet und ihnen mehr Zeit für den tatsächlichen Unterricht lässt. Außerdem verliert man viele angehende Lehrerinnen und Lehrer schon auf dem Weg in den Beruf. Da müsste man überlegen, wie man die Betreuung im Lehramtsstudium verbessern könnte, um zu verhindern, dass diese Leute abbrechen. Es gibt viele Möglichkeiten, das Problem anzugehen. Der Quereinstieg kann da nur ein Baustein sein.

 

Kathrin Müller-Lancé

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Kathrin Müller-Lancé, Jahrgang 1995, schreibt seit 2019 für die SZ. Vorher: Politik-Studium in Freiburg und Aix-en-Provence. Nach einer Station in Paris seit 2023 Redakteurin im Politik-Ressort.

 

Quelle:  http://sz.de/1.6089151

 

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